Erinnerung an mein Kind

Die Zeit verändert Wunden

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Melanie Rausch und Claudia Coppari sprechen über Ihr Erleben mit Ihren Kindern und Ihr Empfinden bei deren Tod in der Sendung des WDR 5 vom

8. Dezember 2017 „Neugier genügt“. Weitere betroffene Eltern äußern sich ebenfalls zum Verlust Ihrer Kinder und Ihren späteren Weg. 

Neugier genuegt_wdr5.mp3
MP3 Audio Datei 19.7 MB

 

"Mama, ich bin so so glücklich"

 

 

Giuliana, wenige Wochen bevor sie starb. Da konnte sie schon kaum noch sprechen
und hatte 2 Operationen, Bestrahlung und Chemotherapie hinter sich

 

 

 

„Mama, wenn ich mal selber Kinder habe, glaubst Du, die sehen dann so aus wie ich als Baby? Das fänd’ ich schön...“

 

An diese Frage von Miriam werden wir uns immer traurig erinnern....

Miri war von Anfang an ein aufmerksames, waches, liebes Kind und

- kurz vor ihrem Tod – ein hübsches junges Mädchen, mit Freund; sehr intelligent, und noch sehr mit uns verbunden. - Wir werden sie immer unendlich vermissen.

Marita und Thomas Scheidel

 

 

 

"Mama,

du bist mein größter Schatz".

 

Die Palliativärztin war gerade da. Steffi hatte viele Fragen, war aber an diesem Tag etwas durcheinander. So habe ich für sie gesprochen. Plötzlich winkte sie mich zu sich. Ich beugte mich zu ihr hinunter und sie bittet mich, zu ihr ins Bett zu steigen. Ich war sehr überrascht, denn soviel Nähe ließ sie nicht oft zu. Neben ihr liegend nimmt sie meine Hand und flüstert: „Mama, du bist mein größter Schatz.“ In diesem Satz spürte ich ihre ganze Liebe zu mir und meine Liebe zu ihr. Er wird für immer ein Schatz in meinem Herzen sein.

 

 

 

 

 

 

Die Zeit danach

 

Zwei Jahre sind seit dem Tod meiner Tochter vergangen. Auf der einen Seite eine kurze Zeit, als ob es erst gestern gewesen wäre. Auf der anderen Seite eine lange Zeit der Trauer und des Schmerzes. Der Satz „Das Leben geht weiter“ stimmt tatsächlich, obwohl man beim Tod eines geliebten Menschen das Gefühl bekommt, wie kann die Welt sich eigentlich weiterdrehen?

 

Doch es gibt weiterhin Kriege, Terroranschläge, Hungersnöte u.v.a.. Aber auch die Sonne scheint immer noch. Frühling, Sommer, Herbst und Winter wechseln sich regelmäßig ab. Für die meisten Menschen, die vom Tod meiner Tochter wissen, ist der Alltag wieder eingekehrt und manchmal beschleicht mich die Angst, sie könnte vergessen werden. Nicht von mir, aber von den Menschen, die sie gekannt haben.

 

Wie gerne würde ich mit Menschen sprechen, die meine Tochter schon als Kind gekannt haben, um die Erinnerung an sie lebendig zu halten. Aber es gibt sie nicht mehr oder sie vermeiden solche Gespräche. Was mich aber besonders trifft, sind die Fragen: „Geht es wieder? Ist es wieder gut? oder Jetzt nach zwei Jahren müsste es ja gut sein.“ Mit der Erkenntnis, dass es niemand wirklich nachvollziehen kann, der einen solchen Verlust nicht erlitten hat, versuche ich, dieses Verhalten zu verstehen. Aber dennoch tut es weh, denn was soll daran gut sein, dass meine Tochter nicht mehr lebt, ich sie nie wieder berühren oder mit ihr reden kann? Sie ist einfach nicht mehr da.

 

 

Verständnis finde ich bei einigen lieben Menschen in meiner Gemeinde und in der Gruppe „Verwaiste Eltern“, denn dort haben wir alle fast das gleiche erlebt. Und alle kommen mit dem Unverständnis der Menschen nicht gut zurecht. Manchmal macht das auch wütend. Unser aller Wunsch wäre, Mitgefühl und Geduld für unsere Situation zu erfahren, weil man sich dann nicht so alleine fühlen würde.

 

Auch fände ich es gut, wenn wieder das Wort Dankbarkeit in den Fokus käme, denn es gibt vieles, für das wir Menschen dankbar sein können, für Nahrung, Wohnung, Arbeit, Frieden u.v.m. Aber auch für das Glück, die eigenen Kinder aufwachsen zu sehen, sich an ihnen zu erfreuen und vielleicht auch manche aus Ungeduld und Unverständnis entstehende Situation mehr mit Humor und einer Prise Dankbarkeit zu meistern. Ich bin dankbar, meine Tochter gehabt zu haben und dass es auch Zeiten gibt, wo die Trauer erträglicher ist. 

 

Marianne Görner-Hohnrath

 

 

Drei Jahre danach                                                                                                             April 2018

 

Drei Jahre sind seit dem Tod meiner Tochter Steffi vergangen, auf der einen Seite eine sehr lange Zeit mit Schmerz und Trauer und auf der anderen Seite eine kurze Zeit, als wäre es erst gestern passiert.

 

Ich hatte und habe immer noch die Möglichkeit über meine Steffi zu sprechen, denn sie war ja der Mittelpunkt meines Lebens. Aber es wird zunehmend schwieriger, verständnisvolle Menschen zu finden, die dies immer noch hören wollen oder können. Ihnen gilt mein herzlicher Dank.

 

So fand ich auch viel gute Literatur und Zitate, die mir etwas sagen und etwas bedeuten.

Einer davon ist von dem Pastor Dietrich Bonhoeffer, der diese viel zitierten Worte aus der Haft im Gefängnis Berlin-Tegel am Hl. Abend 1943 geschrieben hat:

 

„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost, denn indem diese Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“ (gekürzter Text)

 

Manchmal versucht man, die Lücke mit Ablenkung, Betriebsamkeit oder auch mit Alkohol und Drogen zu füllen.

Manchmal hat man das Gefühl, es hilft kurzfristig, aber danach empfindet man den Schmerz umso stärker, denn er lässt sich nicht unterdrücken oder vertreiben. Er gehört jetzt zu unserem Leben dazu.

 

Vielleicht kann man einen „normalen“ Verlust mit einem gebrochenen Bein vergleichen. Eine Weile muss man es schonen und ist in der Beweglichkeit eingeschränkt. Aber dann wächst der Knochen wieder zusammen und alles ist wieder gut.

Einen Verlust, wie wir ihn erlebt haben, ist eher wie eine Amputation. Da wächst nichts mehr zusammen, weil etwas fehlt. Mit dieser Behinderung müssen wir die restliche Zeit unseres Lebens verbringen.

 

 

Von meiner Tochter Steffi bekam ich vor 10 Jahren ein kleines Fotobüchlein geschenkt, mit wunderbaren Fotos und sehr berührenden Texten von ihr. Darin drückte sie all ihre Gefühle aus, die sie während einer schweren Lebenskrise begleiteten, und auch wie sie wieder ins Leben fand.

 

Auf der ersten Seite steht ein gekürzter Text von Khalil Gibran:

das Leben ist eine Insel, es liegt in einem ozean von einsamkeit und abgeschiedenheit, abgetrennt von all den anderen inseln und kontinenten. wie viele boote du auch zu anderen küsten ausschickst, wie viele schiffe auch an deiner küste landen, du selbst bist eine insel, abgetrennt durch deinen schmerz, abgeschlossen durch dein glück, weit abgelegen in deinem mitleid und verborgen in deinen geheimnissen und rätseln.

 

Darunter stehen die persönlichen Worte von Steffi:

für stefan und für alle, die trotz tosender see, nebelhafter sicht und gefährlicher brandung in den unsichersten und wohl traurigsten momenten an meiner insel festmachen wollten. obwohl manchmal kein land zu sehen war und ich scheinbar zu ertrinken drohte, habe ich nach einer stürmischen zeit wieder halt gefunden. meine insel hat einen anker, die wellen sind geglättet und es wachsen wieder blumen!         von mir

Für mich gibt es nur einen Trost, dass ich meine Tochter Steffi irgendwann wiedersehen werde, denn der Tod hat nicht das letzte Wort.

 

Marianne Görner-Hohnrath